Das etwas andere Energieunternehmen

3Die neu gegründete Bürger­energiegenossenschaft  hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt:  Die Initiatoren und Mitglieder wollen die Energiewende vorantreiben, die Akzeptanz für bestimmte Formen der Stromerzeugung erhöhen und auch die Wirtschaft vor Ort stärken. Das Interesse an der Genossenschaft steigt seit dem Start Ende Oktober von Tag zu Tag.

Die genossenschaftliche Idee ist aus vielen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens bekannt, unter anderem aus der Bankenbranche und als Einzelhandelsunternehmen. Herr Massante, wie ist die Idee zur Gründung einer Energiegenossenschaft entstanden?

Burkhard Massante: Bei uns im Verein Bürgerenergiewende Schaumburg hat es 2013 den Gedanken gegeben, eine Energiegenossenschaft zu gründen. Wir wollen damit die Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien abbauen. So hat es zum Beispiel gegen Windkraft Widerstände gegeben, sodass es seit Jahren in diesem Bereich keine Initiativen mehr gibt. Die Gründungsversammlung hat jedoch gezeigt, dass es ein großes Interesse von Bürgern gibt, sich bei Vorhaben für erneuerbaren Energien beteiligen zu wollen. Als erstes Projekt haben wir uns die Beteiligung am Windpark zwischen Riepen und Beckedorf als Projekt vorgenommen.

Manfred Görg: Wir haben das Thema Genossenschaft im Verein seit 2013 diskutiert. Es gab zwei Ideen: Entweder wir gründen für jedes Projekt eine einzelne Genossenschaft oder wir schaffen eine, unter deren Dach alle Projekte laufen. Am Ende haben wir uns für die zweite Variante entschieden.

Hans-Jörg Kohlenberg: Mittlerweile bekommen wir pro Tag einen Anruf von Interessierten. Das Thema Energiewende ist offenbar bei den Bürgern angekommen.

Wie viele Mitglieder hat die Genossenschaft mittlerweile und über welches Kapital verfügt sie?

Massante: Bei der Gründung haben wir 42 Beitrittserklärungen bekommen. Jetzt sind wir bei 50 Mitgliedern angekommen, ohne dass wir für die Genossenschaft geworben haben.
Das Kapital liegt bei 112.000 Euro. Für das erste Projekt, den Betrieb eines Windrades, benötigen wir zwischen 250 und 300 Mitglieder und rund 600.000 Euro. Wenn es so weitergeht, bin ich sehr zuversichtlich. Wir müssen auch die Zeitachse betrachten: Der Aufbau der Genossenschaft läuft parallel zum Genehmigungsverfahren für den Windpark.

Görg: Angestrebt ist, dass der Park 2016 realisiert wird. Dann wollen wir so weit sein, dass wir das Windrad betreiben können.

Gibt es weitere Projekte, die sie bereits entwickelt haben?

Kohlenberg: Eine Idee ist, Photovoltaikanlagen auf Dächern zu ermöglichen, etwa auf Dächern öffentlicher Gebäude.

Görg: Wir haben unter anderem nachgefragt, ob wir auf dem Gesamtklinikum Vehlen solche Anlagen aufbauen und betreiben können, da sich die Trägergesellschaft dazu nicht selbst in der Lage gesehen hat. Die neuen Einspeiseregeln erschweren jedoch die Wirtschaftlichkeit.

Kohlenberg: Zudem haben wir noch zwei weitere Windkraftprojekte, die uns angeboten worden sind.

Ist es schwierig, als Genossenschaft Projekte zu finden oder angeboten zu bekommen?

Massante: Ein Problem sind die ständigen gesetzlichen Veränderungen. Das unternehmerische Risiko wird dadurch größer und ist zum Teil schwer zu beschreiben. Das wird in Zukunft die Finanzierung von Projekten erschweren.

Görg: Die Bundesregierung betreibt eine ausgesprochene Doppelzüngigkeit: Es wird immer für bürgerschaftliches Engagement in der Energiewende geworben. In der Realität werden bürgerschaftliche Projekte aber durch die neuen Ausschreibungsmodelle ab 2017 ausgebremst. Dass mittlerweile 33 Prozent des Strombedarfs aus regenerativen Quellen erzeugt werden, ist jedoch zum Großteil dem bürgerschaftlichen Engagement zu verdanken. Wenn das jetzt abbricht, dann wird sich die Politik korrigieren müssen.

Welches sind die Leitgedanken der Bürger­energiegenossenschaft?

Görg: Wir sehen uns als Partner in der Region: Wir wollen den Bürgern die Chance geben, sich an der Energiewende zu beteiligen. Zudem wollen wir die Wertschöpfung in Schaumburg lassen.

Massante: Wir können uns vorstellen, mit den von uns in Zukunft betriebenen Anlagen auch einen Vertrieb aufzubauen. Wir denken dabei an eine Kooperation mit den Stadtwerken. Deshalb haben wir auch den Handel und Vertrieb von Strom als Betätigungsmöglichkeiten in die Satzung aufgenommen.

Kohlenberg: Das kann dazu beitragen, die Akzeptanz für die Windkraft- und Photovoltaikanlagen zu erhöhen: Wenn die Menschen wissen, dass der dort grade produzierte Strom von meiner Waschmaschine abgenommen wird und die Wertschöpfungskette hier im Landkreis geschlossen ist. Wir sehen uns als Antreiber und Kooperationspartner der Energiewende vor Ort.